Dienstag, 6. August 2013

Neues und Altes aus der Presselandschaft

Amazon-Gründer kauft die "Washington Post"

Katharine Weymouth, Vorstandsvorsitzende und Verlegerin der "Washington Post", bittet alle Mitarbeiter am Montag Nachmittag, um 16:30 in das große Auditorium im Erdgeschoss der Zentrale in Washington. Solche Aufforderungen verheißen meist nichts Gutes, wie sich auch bestätigen sollte: Der Onkel von Katharine Weymouth und Aufsichtsratchef, Donald Grayham, verkündete wenige Minuten später:
"Ich habe eine sehr überraschende Ankündigung zu machen. Unser Unternehmen macht öffentlich, dass wir die 'Washington Post' an Jeff Bezos, den Gründer von Amazon, verkauft haben."
Für lächerliche 250 Millionen Dollar, als Privatperson, nicht als Chef von "Amazon".
"Wir haben das Blatt geliebt und die, die es produziert haben", sagt Donald Graham zu seinen Mitarbeitern. Aber man habe keine Antwort auf die neuen Herausforderungen des Zeitungsgeschäfts gefunden, sieben Jahre in Folge seien die Gewinne zurückgegangen.

Die "Watergate-Zeitung"


Wikipedia über die Watergate-Affäre: "Als Watergate-Affäre (oder kurz Watergate) bezeichnet man, nach einer Definition des Kongresses der Vereinigten Staaten, zusammenfassend eine ganze Reihe von gravierenden „Missbräuchen von Regierungsvollmachten“[1], die es während der Amtszeit des republikanischen Präsidenten Richard Nixon zwischen 1969 und 1974 gegeben hat. Die Offenlegung dieser Missbräuche ab Juni 1972 verstärkte in den USA massiv eine durch den Vietnamkrieg ausgelöste gesellschaftliche Vertrauenskrise gegenüber den Politikern in Washington und führte schließlich zu einem schweren Verfassungskonflikt. Höhepunkt der teils dramatischen Entwicklungen war am 9. August 1974 der Rücktritt Nixons von seinem Amt."
Dafür, dass sie die kriminellen Praktiken der Republikaner entlarvt hatten, wurden die Reporter der "Washington Post" Bob Woodward und Carl Bernstein 1973 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Sie hatten bereits nach dem Einbruch in den Watergate-Gebäudekomplex im Sommer 1971 vermutet, dass es sich nicht um eine Tat einzelner Personen, sondern um eine weitreichende politische Verschwörung unter Einschluss des Weißen Hauses handeln könnte. Na Gott sei dank, dass heutige Politdarsteller alle eine reine Weste haben(!). Staatstrojaner?! Schon wieder vergessen?
Dies geschah in einer Zeit, als der vierten Macht im Staate, der Presse, noch "Eier" attestiert werden konnten. Heute ruft Mutti Merkel die Vertreter eben genau dieser vierten (Ent)macht(ung) zu sich und bittet einfach mal darum, dass jene doch nicht ganz so detailliert über unsere "Euro-Krise" sprechen. Und was machen diese kastrierten Intellektüllen der westlichen Top Journaille? Sie tun ihr den Gefallen. Jakob Augstein schreibt in seinem Blatt, der Freitag: "[...] Ein paar Monate zuvor, am 8. Oktober 2008, hatte es ein sonderbares Treffen gegeben, das in diesem Zusammenhang Erwähnung finden soll. Die Bundeskanzlerin hatte an jenem Tag die bedeutenden Chefredakteure der bedeutenden Medien eingeladen. Es war die Zeit, in die der Ausbruch der großen Finanzkrise fiel. Man findet keinen ausführlichen Bericht über dieses Treffen, der veröffentlicht geworden wäre und überhaupt nur wenige Erwähnungen in den Archiven, nur hin und wieder einen Nebensatz, eine knappe Bemerkung. An einer Stelle liest man in dürren Worten, worum es an diesem Abend im Kanzleramt ging: Merkel bat die Journalisten, zurückhaltend über die Krise zu berichten und keine Panik zu schüren.
Sie haben sich daran gehalten, die Chefredakteure
. Noch im Februar 2009, vier Monate später, wunderte sich die taz über die Medien: "Sie halten die Bürger bei Laune, auf dass diese stillhalten. Wie viel Geld bereits in die Banken gepumpt wurde, wie viele Milliarden Bürgschaftszusagen vergeben wurden (und wie viele Hartz-IV-Monats"löhne" das sind), das steht auch nicht in der Zeitung. Die Süddeutsche (vom 15. 1.) beispielsweise versteckt die Mitteilung, dass die Hypo Real Estate zum vierten Mal in vier Monaten Milliarden Bargeld und Bürgschaften braucht, unter der Überschrift "Wenn Steinbrück an die Tür klopft"." Die Bild-Zeitung übrigens bekam sogar einen Preis dafür, dass sie so "verantwortungsvoll" berichtet habe. Einen Preis, der von Journalisten verliehen wurde. [...]"
Augstein kan vielleicht als ultralinker Salonlöwe bezeichnet werden, aber er hat von seinem Daddy vielleicht doch das Ein oder Andere mitbekommen. Sein Vater, ebenfalls Pressevertreter und Spiegel-Gründer, Rudolf Augstein, ging für seine Überzeugung sogar in den Knast. Franz Josef Strauß, der damalige Verteidigungsminister, hatte die Redaktion des Spiegels besetzen lassen und Vater Augstein musste mehrere Monate (103 Tage) hinter schwedischen Gardinen verbringen. Die Anzeige gegen das Blatt wegen Landesverrats wurde niedergeschlagen.

Des Kaisers neue Kleider

Wir erinnern uns an das Märchen: Der Kaiser möchte dem Pöbel, das sind wir, sein neues, edles Gewandt vorführen. Auf Grund der Lügen, die zuvor gesät wurden, traut sich niemand, ihn darauf hinzuweisen, dass er in Wahrheit nackt ist. Nur ein Kind hat die Chuzpe diese Tatsache laut auszusprechen. Für mich ist, neben einigen anderen alternativen Medienmachern, Jakob Augstein dieses Kind. Jakob Augstein hat vor kurzer Zeit ein Buch herausgegeben, mit dem schönen und auch so wahren Titel: "Sabotage. Warum wir uns zwischen Demokratie und Kapitalismus entscheiden müssen". Mit diesem Titel ist Augstein einer der ganz wenigen "seriösen" oder auch "etablierten" Journalisten die erkannt haben, dass bereits die Geier über unseren Köpfen kreisen. Der Unterschied zum Märchen ist der, dass im Märchen der gesamte Pöbel in Gelächter ausbricht und sich nun alle trauen auszusprechen was Fakt ist: Der Kaiser ist nackt! Was diesen Punkt bei unserer Presselandschaft angeht... Nun ja, die Jungs und Mädels sind ein wenig traniger.
Ist Augstein jetzt ein Kommunist, ein Sozialist, ein Miesmacher, ein radikaler Linker, Marxist oder schlicht ein durchgeknallter Irrer? Weder noch! Er ist einer der Journalisten die zur Mangelware geworden sind. Einer der sich traut auszusprechen, dass hier ein gigantisches Machtinstrument am wirken ist, dessen Ziel es sicherlich nicht ist Bürgerrechte oder Demokratie zu stärken. Augstein war auch einer der wenigen, die sich trauten Israel in Bezug auf den Umgang mit den Palästinensern zu kritisieren, was ihn prompt auf die Topten-Liste der gefährlichsten Antisemiten des Wiesenthal-Zentrums katapultierte. Eine Keule, die bekanntlich gerne geschwungen wird. Wir erinnern uns an Günter Grass.
George Orwell war gerade zu ein Hellseher. Er hat in seinem Buch 1984, das er 1948 schrieb, gut vorhergesagt was heute Realität ist. Nur war Orwell geradezu optimistisch. Er wusste auch etwas über Journalismus zu sagen: "Journalismus heißt, etwas zu drucken, von dem jemand will, dass es nicht gedruckt wird. Alles andere ist Public Relations."

Der kleine und/oder große Zusammenhang

Nochmal zurück zu Amazon: Was bedeutet es für unsere Presse wenn sich Heuschrecken-Unternehmen (oder deren Besitzer) Zeitungshäuser unter den Nagel reißen? Ehemalige Flaggschiffe wie die "Washington Post", die ja immerhin mal auf Augenhöhe mit der "New York Times" war? Werden dann noch kritische Berichte über solch gigantische Konzerne erscheinen? Wohl eher kaum! Auch wenn Jeff Bezos beteuert, nicht in das Tagesgeschehen eingreifen zu wollen. Aber spätestens dann, wenn ein Artikel aufzeigt, dass Amazon dafür (mit)verantwortlich ist, dass kleine regionale Buchläden gerade zu aussterben, dann... ja dann müsste er doch...?! ...Einschreiten? Oder nicht?! Er wird! Andersrum wäre es schädlich für den Konzern Amazon.
"In 20 Jahren wird es keine gedruckten Zeitungen mehr geben. Wenn doch, vielleicht als Luxusartikel, den sich bestimmte Hotels erlauben, als extravaganten Service für ihre Gäste. Gedruckte Tageszeitungen werden in 20 Jahren nicht mehr normal sein." Dieser Spruch stammt von Jeff Bezos.

PRISM, Amazon und Bespitzelung

Erinnern Sie sich noch an PRISM oder TEMPORA? Oder, zugegeben etwas länger her, an Echelon, oder, sorry, die STASI?
Wollen wir uns doch folgendes merken: PRISM und der ganze andere Rotz zeigt nur, dass die Regierungen, unsere Volksvertreter, natürlich alle demokratisch gewählt, außer da wo Öl liegt, uns permanent bespitzeln und das heißt, dass jeder Schritt im Web gespeichert und analysiert wird. Alle unsere Daten sind dank X-Keyscore von NSA und Co überall und jeder Zeit abrufbar. X-Keyscore ist so etwas wie eine Super-Suchmaske sagt Bruno Kramm, Spitzenkandidat der Piratenpartei in Bayern: "Die X-Keyscore-Suche eines Agenten ist vergleichbar mit der Suche von Otto Normalverbraucher nach einem Dokument auf seiner Festplatte. Man kann sich das einfach so vorstellen, als wären die ganze Welt und alle Menschen dieser Welt auf Ihrer einen, persönlichen Festplatte gespeichert"
Durch alles was wir so im Netz machen kann natürlich auch ein Profil von uns erstellt werden. Welche Zeitungen wir so lesen? Wie lange wir uns mit bestimmten Artikel befassen? Ob wir linke oder rechte Gazetten präferieren? Oder noch schlimmer - beides?! Auch ganz gefährlich könnten wir sein, wenn wir die syrischen, iranischen oder russischen Nachrichtenagenturen verfolgen. Denn DU bist Terrorist!
Und war es nicht auch der Konzern Amazon, der Online-Speicher an US-Geheimdienste verbimmelt hat? Und entwickelt nicht auch Amazon Spitzel-Utensilien wie die Cloud für Schnüffel-Behörden? Doch, genau das! Die Welt schreibt: "Die CIA überraschte IBM Anfang des Jahres, als sie sich beim Aufbau eines Cloud-Dienstes, der sie mit Geheimdiensten rund um die Welt verbinden soll, für Amazon entschied. Der Vertrag über vier Jahre wird auf bis zu 600 Millionen Dollar geschätzt." Und hat nicht auch Amazon einst die Server von Wikileaks gesperrt? Doch! taz.de vom 02.12.2010: "'Wikileaks von Amazon-Server verdrängt. Freie Rede im Land der Freien', teilten die Enthüllungs-Aktivisten von Wikileaks über Twitter am Mittwoch mit. Die Enthüllungsplattform hatte erst vor kurzem Server bei Amazon angemietet, um die vielen Zugriffe nach den jüngsten Enthüllungen gerecht zu werden."

Das Dilemma mit dem Gedächtnis und 0 und 1

Warum sind wir nicht in der Lage Zusammenhänge zu sehen? Sind wir doof oder einfach nur kaltschnäuzige Arschlöcher denen einfach alles Peng ist? Oder liegt es an den vermehrt auftretenden Online-Ausgaben der Zeitungen? Haben die Zeitungen nicht gerade deshalb ein Problem, weil kaum noch jemand seine Zeitung als Printausgabe kauft, und statt dessen auf die meist kostenlosen Angebote im Web zurück greift? Können sich Zeitungen nicht vielleicht auch deswegen keine guten Journalisten mehr leisten, und müssen die (bedauernswerten) Redakteure nicht auch gerade deswegen die Reuters-Meldungen in die PCs kotzen. Liegt es nicht vielleicht auch daran, dass die Zeitungen nicht mehr gegen die immer schnellere Welt im Netz ankommen. Und liegt es nicht vielleicht daran, dass wir Zusammenhänge nicht mehr sehen können, weil wir so schnell vergessen? Weil unser Hirn nur Platz für die neuste, aber nicht die wichtigere Info hat? Ist deswegen Affäre X von Ex-Fußballgröße Lothar Matthäus wichtiger als der Präsidentenwechsel im Iran? Zur Erinnerung: Das war mal der gefährlichste Mann der Welt. Der ist jetzt weg. Einfach so. Ohne Krieg. Durch Wahlen. Einfach nur weil die neuen Infos die alten überholen? Weil wir gar nicht so schnell den Finger über den Retina-Touchscreen wischen können, wie neue Meldungen rein tickern? Dazu gibt es jedenfalls interessante Studien. All diese Studien laufen auf die schlichte Erkenntnis hinaus, dass rein digital aufgeschnappte Infos es überall hin schaffen. Nur nicht in unseren Schädel. Jedenfalls nicht für eine längere Zeit. Wir können also unser Verhalten, egal in welcher Hinsicht, nicht auf Grund einer Information ändern, wenn wir diese Online bekommen haben, weil wir uns schlicht nicht lang genug erinnern.
Der bereits erwähnte George Orwell war nicht der einzige "Hellseher", bereits vor Jahrzehnten sagte der Kommunikationsgott Marshall McLuhan diese Vorgänge voraus. Unter anderem, dass Medien die Ausweitungen der menschlichen Sinne sind, denen die Aufgabe der Steuerung und Gestaltung des Ausmaßes und der Form menschlichen Zusammenlebens zukommt. Nachzulesen hier

Links: KenFM


Christian Hildebrandt

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